Ich habe schon im Artikel über Television KLICK
erwähnt, dass es für die Amis etwas befremdend ist, dass man bei uns in Europa nackte
Haut im Fernsehen sehen kann. Das hat uns einiges zu denken gegeben. Wieso sind die Amis
so spröde und wieso gibt es so eine hohe moralische Hemmschwelle gegenüber Sexualität?
Ich denke, dass es einen großen Unterschied zwischen der gesellschaftlich erwünschten
Moral und dem tatsächlichen Leben der Realität - gibt. Auch gibt es große
Unterschiede zwischen der städtischen Bevölkerung, welche sehr liberal ist, und dem
konservativen Rest des Landes (das inkludiert auch Richland). So hat die Freundin unseres
Vermieters erzählt, dass sie in Richland sofort schief angeschaut wurde, wie sie erzählt
hat, dass sie A) nicht verheiratet ist B) einen Freund hat und C) nicht schon mit 40
Großmutter ist und dazu noch überhaupt keine Kinder hat! Auch die Kampagne von Bush, vor
der Ehe keinen Sex zu haben, bestätigt vollkommen das Bild eines Europäers über die
spröden Amerikaner.
Wir sind hier in
Richland in einer vollkommen ländlich-konservativen Region und bekommen somit einen recht
einseitigen Einblick in die Moralvorstellungen der Amerikaner. Ich will euch unter
Vorbehalt, dass nicht ganz Amerika so ist in die moralischen Vorstellungen der
ländlichen Bevölkerung der USA einweihen.
Sexualität und
Nacktheit ist etwas, was in den USA fast vollkommen verpönt ist und worüber nur sehr
ungern gesprochen wird. Kinder werden von Anfang an vor nackter Haut geschützt. Selbst
zweijährige Kinder dürfen nicht nackt herumrennen und Mädchen müssen zumindest einen
Bikinioberteil tragen. Diese Abschottung der Kinder vor geschlechtlichen Unterschieden
zieht sich bis in die Pubertät und verursacht ein anderes großes Problem in der
amerikanischen Gesellschaft das Problem der Teenagerschwangerschaften. Ich weiß
nicht, wer die amerikanischen Teenies sexuell aufklärt, aber es scheint auf jeden Fall
nicht sehr gut zu klappen (was wiederum die Vermutung aufkommen lässt, dass es keine
Aufklärung gibt). Auch Bush will natürlich gegen die Teenagerschwangerschaften
ankämpfen, was jedoch nicht mit Aufklärungskampagnen gemacht wird, sondern mit einer
Kampagne Kein Sex vor der Ehe was meiner Meinung nach illusorisch ist.
Ich weiß noch keine Zahlen, aber ich bezweifle, dass diese Kampagne greifen wird.
Durch diese
Unterdrückung der natürlichen Neugierde eines jeden Kindes und Jugendlichen über
Nacktheit und später über Sexualität, kommt es auch im späteren Leben zu
Abnormalitäten. Jegliche Aktion welche auch nur im entferntesten mit dem Thema Sex in
Verbindung gebracht werden kann, ist demnach verpönt. Das zieht sich vom verbotenen
Oben-Ohne-Baden bis zum unerwünschten Küssen in der Öffentlichkeit hin, da
dies ja schon eine Vorstufe zum Sex sein solle. Auch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz
ist ein gefürchtetes Thema in den USA. Dave hat uns einmal gesagt, dass es sogar schon
gefährlich sein kann, einer Frau im Büro ein Kompliment zu machen.
Auch
zwischenmenschliche Berührungen sind etwas unübliches in den USA. So ist es zum Beispiel
nicht sehr verbreitet sich gegenseitig die Hand zu geben geschweige denn, sich zu
Küssen (ich meine dabei das übliche Küsschen-Geben europäischer Frauen, geschweige
denn Bruderküsse zwischen Männern). Das führt sogar so weit, dass es in den USA mit
Befremden gesehen wird, wenn man bei europäischen Tanzveranstaltungen nicht nur mit
seiner eigenen Frau tanzt. Diese fehlende Differenzierung zwischen Sexualität und
unverfänglichen Berührungen führt meiner Meinung nach dazu, dass einfach alles, was mit
Berührung und nackter Haut zu tun hat, mit Sexualität in Verbindung gebracht wird.
Dadurch ist es
natürlich für die Amerikaner noch schwieriger zwischen Erotik, Flirten,... und
Sexualität zu unterscheiden. Ein Beispiel dafür ist z.B. eine Sendung, die ich im
National Public Radio (liberaler Radiosender) gehört habe und von Bauchtanz handelte.
Auch für mich ist Bauchtanz ein erotischer und schöner Tanz, aber es drehen nicht gleich
die Hormone durch, sodass ich dabei automatisch an Sex denke ich glaube jeden
Araber würde es vor dieser Vorstellung grausen. Doch anscheinend ist es bei vielen
Amerikanern so, denn die Bauchtanzlehrerin musste in der Radiosendung die gesamte Stunde
dafür verwenden, den Leuten zu erklären, dass Bauchtanz nichts mit Sex zu tun hat.
Diese Angst vor der
Konfrontation der Leute mit Sexualität geht sogar so weit, dass man nachts die Strände
und Parks schließt, damit niemand etwas Unanständiges macht. Selbst die Toiletten sind
pfui-sicher ausgestattet! Die Türen nahezu aller Toiletten haben so große Spalten, dass
man einen Blick hineinwerfen könnte aber so geht man sicher, dass George Michael
nicht nochmals die Chance hat, sich selber gerne zu haben.
Mir kommt es oft so
vor, als hätten viele Amerikaner (vor allem aber die Officials) Angst vor der
Sexualität und man versucht alles, um ja nicht darüber diskutieren zu müssen. Ich kann
mich natürlich in all diesen Theorien irren, aber dies waren die Eindrücke, welche ich
während meines mittlerweile dreimonatigen Aufenthaltes gesammelt habe.
Nachtrag
zum Sex-Artikel:
Auf CNN online fanden wir einen Artikel über verbotene Sexpraktiken in einigen
US-Bundesstaaten, wobei derzeit diskutiert wird, diese vom obersten Gerichtshof aufheben
zu lassen. Demnach sind so abwegige Dinge wie Oral- oder Analsex sowie jede Art
gleichgeschlechtlichen Verkehres in so manchen Bundesstaaten unter der Bezeichnung
sodomy verboten. In einem Land, das so viel auf persönliche Freiheiten Wert
legt (oder auch nicht?), ist es schon bezeichnend, wenn der Staat sogar einen Blick ins
Schlafzimmer wirft. Und es gibt auch regelmäßig Verurteilungen nach diesen Gesetzen...
Die Moralapostel
sehen wahrscheinlich Geschlechtsverkehr als notwendiges Übel an, um nicht vollständig
auszusterben ;-)
Link-Tipp:
Artikel
über Sex-Gesetze in den USA |